Der russische Schriftsteller Michail Bulgakow schrieb 1967 in „Der Meister und Margarita“: „Die Wohnungsfrage hat sie verdorben.“ Im Jahr 2017 steht die Wohnungsfrage in Russland immer noch im Mittelpunkt der Gesellschaft. Die aktuellen Entwicklungen in Moskau sind ein Spiegelbild der Probleme, die seit einem Jahrhundert das Verhältnis zwischen Mensch und Lebensraum prägen. Auch zum 100-jährigen Jubiläum der Oktoberrevolution sind es Themen wie Eigentum und Privatsphäre, die das Land bewegen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hausten viele Familien im städtischen Raum in Baracken. Durch die Landflucht waren die sogenannten „Kommunalkas“ überfüllt wie noch nie. Als Nikita Chruschtschow im März 1953 nach Stalins Tod zum Parteichef aufstieg, ließ er überall große Mehrfamilienhäuser entstehen. Eine Rede Ende 1954 auf einem Moskauer Baukongress veränderte die Baupolitik nicht nur in Russland, sondern im gesamten Ostblock. Chruschtschow ebnete den Weg von prunkvollen Stalin-Bauten hin zu uniformen, einfachen Wohnhäusern. Es war der Beginn der Tauwetterperiode und eines wirtschaftlichen Aufschwungs, der zumindest bis zum Ende der 1950er-Jahre anhalten sollte.

In Moskau werden nun Tausende dieser Plattenbauten aus der Chruschtschow-Ära abgerissen. Eigentlich hätte dies schon vor Jahrzehnten passieren müssen. Eine Vielzahl der Wohnhäuser, die zumeist fünf Stockwerke haben, sind in einem baufälligen oder gar verwahrlosten Zustand. Doch erst Bürgermeister Sergej Sobjanin hat die Entscheidung getroffen, das historische Projekt in die Hand zu nehmen. Das gigantische Abrissprogramm gehört zu den größten der Geschichte und kostet voraussichtlich über 3,5 Milliarden Rubel, umgerechnet rund 51 Millionen Euro. Doch die Pläne stoßen in der Bevölkerung nicht überall auf Gegenliebe. Mitte Mai strömten über 20.000 Moskauer zu einer Demonstration. Viele Menschen haben Angst, zugunsten der Baubranche an die Ringautobahn MKAD gedrängt zu werden. Heute sind die als „Chruschtschowka“ bekannten Gebäude kaum aus dem Stadtbild wegzudenken. Während die niedrigen Decken und engen Zimmer für viele Bewohner ein Gräuel sind, gehören sie für andere Russen zur eigenen Identität.

Wer die Wohnungsfrage in Moskau jedoch nur anhand des Abrissprogramms bewertet, erfasst nur einen Bruchteil ihrer Vielfältigkeit. In der Vergangenheit wurde die Frage durch den sozialistischen Wohnungsbau beantwortet, bei dessen Entscheidungen das Individuum kein Mitspracherecht hatte. Doch das enge Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Milieus in Kommunalwohnungen war eine große Belastung, die bis heute Auswirkungen auf die russische Kultur hat. Erst die von Chruschtschow beauftragten und in Windeseile produzierten Plattenbauten ermöglichten dem sowjetischen Bürger, Rückzug und einen Hauch von Freiheit zu finden. Im modernen Russland gibt endlich auch als Individuum die Möglichkeit, die Wohnungsfrage zu beantworten. Doch wie im Kapitalismus üblich, ist sie vor allem eine Geldfrage. Wer kein Geld hat, ist auf das Erbe der sowjetischen Vergangenheit angewiesen – oder auf die eigene Kreativität. Es gibt Menschen, denen es trotz widriger Umstände gelungen ist, eine Antwort auf die quälende Wohnungsfrage zu finden, die sich von der Masse abhebt.

Juri

Juri (42) lebt in einer Erdhütte am Rande der M8 zwischen Moskau und Jaroslawl. Früher arbeitete er als Jurist in der Hauptstadt, heute ist er berühmt als „russischer Hobbit“. Der Mann mit filzigen blonden Dreadlocks, langem roten Bart und rosa Wollmütze wartet mit einem breiten Grinsen an der Schnellstraße. Neben ihm sitzt ein dicker Hase mit weißem Fell und roten Augen. Es ist einer der letzten sonnigen Tage vor Wintereinbruch, doch Juri weiß sich zu helfen: Dank eines Solarmoduls auf dem Dach gibt es nicht nur Strom in der selbstgebauten Hütte, sondern auch einen Holzofen mit Banja. Kostenlose Nahrung erhält er regelmäßig von Bekannten aus der Nachbarschaft – oder von einem seiner 25.000 YouTube-Abonnenten. „Ich habe zehn Jahre in Moskau gelebt, die Universität beendet, in einer Mietwohnung gewohnt und im Büro gearbeitet“, erklärt er. „Danach bin ich immer fauler geworden.“ Am meisten störte ihn die Tatsache, dass er trotz seiner Ausbildung am Ende des Monats kaum Geld hatte, um ein Stück Brot zu kaufen. Irgendwann verlor er seine Motivation: „Ich hatte immer weniger Geld und ich wollte auch keines mehr verdienen.“

Schließlich beschloss er, obdachlos zu werden, um das soziale Korsett der Verpflichtungen abzulegen. „Ich musste eine Entscheidung treffen, wie mein Leben weitergeht.“ Seine Erdhütte ist chaotisch, und trotzdem mit Liebe eingerichtet: Hunderte Bücher, bunte Zeichnungen, Porträts von russischen Schriftstellern, Statuen von griechischen Philosophen, orientalische Teppiche, Räucherstäbchen, Keramiktassen mit Tabakresten und eine Glocke, mit der er seinen Hasen zur späten Abendstunde in die Hütte ruft. Obwohl Juri auf den ersten Blick wie ein Eremit lebt, ist er von der Gesellschaft alles andere als abgekapselt. Überall kleben Sticker mit der Aufschrift „Nawalny 2018“. Der russische Oppositionspolitiker Alexei Nawalny sei für Juri der einzige Mann, der gegen Putin aufstehen und die Unterstützung des Volkes gewinnen könne. Auf seinem YouTube-Kanal gibt er Ratschläge, wie sich Demonstranten nach einer Verhaftung verhalten sollen. Juri beklagt die „Korruption“ und die “völlige Zensur“ der staatlichen Medien. Als Präsident Wladimir Putin auf der M8 von einer Eskorte begleitet werden sollte, hatten mehrere Polizisten Juri einen Besuch abgestattet. Sie forderten ihn dazu auf, den großen Nawalny-Schriftzug mit Ausrichtung zur Schnellstraße abzubauen. „Sogar um Banditen zu fangen, kommen weniger Bewaffnete vorbei“, kommentiert Juri sarkastisch. Die Korruption in Russland steht auch mit seiner persönlichen Situation in Verbindung, glaubt er. Er versteht nicht, wie es sein könne, dass ein junger Mensch mit einer guten Ausbildung unter dem Existenzminimum leben müsse. Nun hofft er auf eine politische Veränderung: „Nawalny ist ein Symbol für den Wandel.“

Tanja

Tanja (34) lebt in einem fünfstöckigen Plattenbau aus der Chruschtschow-Ära, der in zwei bis drei Jahren abgerissen werden soll. Die junge Frau mit Kurzhaarschnitt und grünen Strähnen träumt von einem Leben in Europa. „Dort gibt es Menschenrechte, eine starke Wirtschaft, soziale Garantien und Toleranz. In Russland läuft alles in eine umgekehrte Richtung“, sagt sie mit einem offenherzigen Lächeln. Eine hellbraune Hauskatze fläzt sich auf das Bett und Tanja fährt ihr durch das Fell. „Ich kenne viele Leute, die einen ausgeprägten Hass haben. Hass auf Schwule, Lesben, Transgender und LGBT im Allgemeinen. Je offener du bist, desto schlechter reagiert die Außenwelt.“ Tanja vergleicht ihre Wohnung wegen der kompakten Größe mit einem Wandschrank. Die Einrichtung wirkt sauber und gemütlich zugleich. Doch obwohl sie 28 Quadratmeter mit ihrer Lebenspartnerin teilen muss, fühlt sie sich wohl.

Sie arbeitet als Texterin bei einer Werbeagentur und kommt gut über die Runden. „Russische Mittelschicht“, ergänzt sie. Obwohl es den Russen wirtschaftlich im Vergleich zu den 1990er-Jahren besser gehe, bereite ihr die gesellschaftliche Entwicklung Bauchschmerzen. Dies liege nicht nur an der aufkeimenden Religiosität, sondern auch an den Medien. „Der Normalverbraucher schaut Fernsehen, sprich Staatspropaganda“, erklärt sie. Auch das groß angelegte Abrissprogramm der Stadt Moskau sieht sie kritisch. Zwar befürwortet sie, dass baufällige Häuser erneuert werden, doch die Politik versage bei der Kommunikation. Sie glaubt nicht, dass die Eigentümer der betroffenen Wohnungen einen adäquaten Ersatz erhalten. „Wahrscheinlich am schlechtesten Ort im schlechtesten Viertel“, kommentiert sie sarkastisch. Ein Aktivist aus dem Bekanntenkreis, der Petitionen gegen das Abrissprogramm organisiert hatte, wurde in einer Nacht auf dem Nachhauseweg erstochen. Die Hintergründe des Vorfalls sind bis jetzt ungeklärt, doch einen Zusammenhang zu kaltblütigen Bauträgern will sie nicht ausschließen. Anfangs hat sich Tanja selbst bei WhatsApp-Diskussionen mit Nachbarn beteiligt, doch dort wurde sie wegen ihrer liberalen Ansichten gesperrt. „Das Abrissprogramm ist für Rednecks, die mehr Quadratmeter wollen“, klagt sie. Für die Zukunft des Landes zeichnet Tanja ein düsteres Bild: „Wir verwandeln uns langsam in ein zweites Nordkorea.“ Als wir ihre Wohnungstür verlassen, sagt sie im Scherz: „Hoffentlich klopft nach diesem Interview nicht der FSB an meiner Tür.“

Sergej

Sergej (40) lebt auf einem alten Boot am Ufer der Moskwa. Er kaufte es vor vielen Jahren als rostigen Metallkahn in Jaroslawl, brachte es über die Wolga nach Moskau und erfüllte sich damit einen Kindertraum. Gemeinsam mit seinem Freund Dmitri investierte er umgerechnet rund 12.000 Euro, um das Boot auf Vordermann zu bringen. Heute sitzt er mit entspannter Miene auf dem Sonnendeck, raucht Zigaretten und schwärmt von der Zukunft. „Wir wollen nächstes Jahr auf die Krim am Schwarzen Meer. Unser Plan ist es, eine Anlegestelle zu mieten und Rundfahrten zu machen. Wir haben so viel in dieses Boot gesteckt. Es wäre schön, wenn es sich eines Tages auszahlt“, erzählt Sergej mit einer kindlichen Aufgewecktheit.

Er liebt es, tief ins Glas zu schauen: „Ich kann am Abend locker ein bis zwei Liter Wodka alleine trinken, gar kein Problem.“ Für das Interview posiert er zum Spaß mit einer Kapitänsmütze. Stolz spricht er über die Banja unter Deck. Im Winter wird sie auf über 100 Grad erhitzt und nach kurzem Lüften in ein Schlafzimmer umgewandelt. Das Boot macht einen gemütlichen Eindruck: Es gibt zwei großzügige Schlafkajüten, flauschige Sofas, Sitzecken, eine große Küche und hohe Fenster, die das Innenleben mit Licht durchfluten. Auf der Moskwa ist es viel besser als in der lauten Stadt, sagt Sergej. Er liebt die feuerroten Sonnenuntergänge, das Zirpen der Heuschrecken und die frische Luft beim Angeln. Doch Sergej ist nicht nur Romantiker, sondern auch Patriot. Die russische Nationalflagge flattert auf Vollmast im Wind. „Wladimir Wladimirowitsch ist ein guter Kerl“, lobt er den Präsidenten. Egal ob in Syrien oder in der Ukraine, Putin kämpfe allein gegen alle als einziger Politiker, der genau wisse, was zu tun sei. Trotzdem sei der gesellschaftliche Zusammenhalt früher besser gewesen. „Die hellen Jahre des Kommunismus“, erinnert er sich. „Ich sage das, weil meine Kindheit sehr lebhaft war. Die Pionierlager zum Beispiel. Heute sitzen die Kinder nur noch vor dem Computer.“ Doch die Vergangenheit könne er nicht zurückholen: „Wir leben so, wie wir eben leben. Und ich glaube, dass es Wladimir und mir auf dem Boot nicht schlecht geht.“

Uljana

Uljana (44) lebt in einem Haus, das 1951 zum Ende der Stalin-Ära erbaut wurde. Ihre Ein-Zimmer-Wohnung ist hell und freundlich. Obwohl das Haus nicht aus der Chruschtschow-Ära stammt, ist es nachträglich in das Abrissprogramm der Stadt Moskau aufgenommen worden. Doch Uljana und ihr Ehemann sind strikt gegen den Abriss. „Wir wollen nicht ausziehen, uns geht es hier sehr gut“, erklärt sie. Sie kauften die Wohnung im November 2015 für fünf Millionen Rubel – beim damaligen Wechselkurs ungefähr 71.500 Euro. „Die Stadtverwaltung hatte uns damals versprochen, dass das Haus bestimmt nicht abgerissen wird“, sagt Uljana. Erst ein Votum der Bewohner vor wenigen Wochen führte dazu, dass das Haus nachträglich in das Abrissprogramm aufgenommen wurde. Uljana und ihr Ehemann sind davon überzeugt, dass die Abstimmung mit unlauteren Mitteln zustande kam. „Es gibt eine Frau in der Verwaltung, die offenbar ein finanzielles Interesse am Programm hat“, erklärt sie. „Sie hat bei allen Omas im Haus geklingelt und sie aktiv dazu überredet, für den Abriss zu stimmen.“ Uljanas Wohnung ist sehr gemütlich.

Da ihr Ehemann Musiklehrer ist, zieren Akustik- und Elektrogitarren die Wände. Unverputztes Mauerwerk geben dem Raum eine warme Atmosphäre. Ein heller Holzboden, Sitzkissen, eine hohe Decke und Schiebetüren strahlen eine angenehme Leichtigkeit aus. „Wir haben diese Wohnung gewählt, und keine andere“, sagt Uljana. Die aus dem südrussischen Krasnodar stammende Frau hat schwarze Haare, dunkle Haut und ein kluges Gesicht. Verärgert spricht sie über die undurchsichtige Kommunikation der Stadt. „Wir haben keine Ahnung, wohin sie uns umsiedeln.“ Für Bauträger könnte das Grundstück tatsächlich von Interesse sein. Es sind bloß fünf Minuten Fußweg zur Metro, 15 Minuten Fahrt bis ins Stadtzentrum und es gibt üppige Parkanlagen. Generell findet es Uljana gut, dass die baufälligen fünfstöckigen Plattenbauten, die als „Chruschtschowka“ bekannt sind, abgerissen werden. Doch sie versteht nicht, was ihre „Stalinka“ damit zu tun hat. „Bei einer alten Frau ist wohl der Fußboden kaputt. Das ist doch kein Grund, um das ganze Haus abzureißen. Lasst uns doch der alten Frau helfen!“, erklärt sie kämpferisch. Nun will Uljana gemeinsam mit ihren Nachbarn eine Sammelklage organisieren und vor Gericht ziehen. Ob die Aktion erfolgreich sein wird, bleibt ungewiss – doch ihre Hoffnung ist nicht erloschen.

Andrej

Andrej (43) lebt in einem rätselhaften Haus, das 1917 kurz vor der Oktoberrevolution gebaut wurde. Die Eingangstür zur Wohnung des Künstlers steht immer offen. Als wir gegen Nachmittag eintreten, liegt er immer noch auf der unteren Etage seines Hochbetts. „Wir sind gerade aufgewacht“, sagt er. Er sitzt mit nacktem Oberkörper am Bettrand und raucht eine Zigarette. Tribaltattoos und Tintenflecke zieren die muskulösen Arme. In einem Ohr steckt ein Goldring. Hinter der Hornbrille mit schwarzem Rand wandern Augen unruhig durch den Raum. Er nimmt eine Dose Kondensmilch vom runden Holztisch und verspeist sie mit einem Löffel. „Wir haben schon auf euch gewartet“, sagt ein anderer Mann, der auf einem Stuhl sitzt und einen Joint dreht. Er kommt aus Odessa, hat fast keine Zähne und lächelt freundlich. Psychedelische Trance-Musik tönt aus seinem Handy. Wer bei Andrej eintritt, reist in eine Welt der Magie. Hier gibt es allerlei Faszinierendes und Verstörendes zu entdecken: Furchteinflößende Installationen mit Gasmasken, religiöse Symbole, Zeichnungen von Fantasiewesen mit erigierten Penissen, an den sozialistischen Realismus angelehnte Figuren, Farbkleckse an den Wänden, Knetreste an den Türen, ein verstaubtes Klavier, ein antiker Eichenschrank, Schallplatten, Bücher, Zigarettenstummel und Notizblätter mit makabren Gedichten. Hier lebt und arbeitet Andrej, irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn.

Eigentlich hätte das Haus, das nie ganz fertiggestellt wurde, schon in den 1990er-Jahren abgerissen und neu gebaut werden sollen. Doch das Gebäude steht unter Denkmalschutz: Der russischer Maler Jewgeni Lansere, Mitglied der berühmten Künstlervereinigung Mir Iskusstwa, hatte dort von 1934 bis 1946 ein Studio. „Ich bin sehr froh, dass das nicht passiert ist“, sagt Andrej. Die zeitgenössische Industrie hätte daraus ein ähnliches Ungetüm produziert wie das 17-Meter-Monument zu Ehren des Großfürsten Wladimir I. in der Nähe der Lenin-Bibliothek, ist er überzeugt. „Das Haus wäre grässlich geworden.“ Das Gebäude befindet sich im Zentrum von Moskau. Die Metro-Station „Lubjanka“, dem Standort der früheren KGB-Zentrale, liegt nur wenige Fußminuten entfernt. Zwar wirkt das Haus vernachlässigt, doch die Gegend ist in Mode. Über Andrej leben junge Designer und Studenten in Künstlerkollektiven. Der Mietpreis für eine Wohnung mit sieben Zimmern liegt bei 140.000 Rubel – rund 2.000 Euro. Laut einer Legende gaben die Beatles in den 1960er-Jahren im Keller ein geheimes Konzert für Leonid Breschnew. Heute wirkt der Keller eher wie ein Gruselkabinett, in dem der Übergang zwischen Baustelle und Kunstausstellung fließend ist: Ein in Stücke gerissener Plüsch-Teddybär, von blauem Neonlicht angestrahlte Holzkisten, Geröll und Schutt auf dem Boden und zerfledderte Tapeten. Hektisch führt uns Andrej in einem Raum, in dem er ein Kunstwerk präsentieren will. Wir sitzen auf einem Sofa, während sich ein Scheinwerfer um 360 Grad dreht und in die Dunkelheit leuchtet. Vage zu erkennen sind diverse Materialien und geometrische Formen, während aus Lautsprechern eine knisternde Audioaufnahme tönt. Der Duft von Cannabis weht durch das Gewölbe. Andrej ist glücklich und hofft, noch lange Zeit im Haus leben zu können. „Es ist so, als ob hier ein alter Kindheitstraum in Erfüllung geht.”

Anna und Artemi

Anna (23) und Artemi (33) leben in einer der „Sieben Schwestern“ in Moskau, die im Auftrag Stalins erbaut wurden. Der zwischen 1948 und 1954 entstandene Hochhaus-Komplex im Zuckerbäckerstil liegt am Kudrinskaja-Platz gegenüber der Metro-Station Barrikadnaja. „Diese sieben Hochhäuser wurden zum Symbol der Stadt, wenn nicht gar des Landes“, sagt Anna und lacht auf. „Das war eine Machtdemonstration in der Nachkriegszeit.“ Sie hat ein schmales Gesicht, trägt legeres Make-up und Lippenstift, der zu ihrem roten Abendkleid passt. Ihr Handgelenk ziert eine goldene Armbanduhr. Anna arbeitet bei einem renommierten Staatschor. „Das Haus liegt an einem sehr bequemen Ort, mitten im Zentrum.“ Auf dem runden Tisch steht eine Vase mit einem geschmackvollen Blumenstrauß in Herbstfarben. Sie teilt sich die Zwei-Zimmer-Wohnung mit ihrem Freund Artemi, dem CEO eines bekannten Marketing-Unternehmens. Er hat kurze Haare, einen Kinnbart und trägt Hemd, blaue Socken und eine orangene Hose. „Bis zum Kreml sind es nur zehn Minuten zu Fuß“, sagt er. Für ihn ist der Wohnort optimal für Geschäftstreffen. „Ohne seine Arbeit kann er nicht leben“, scherzt Anna. Sie serviert Schokolade und Tee auf einem edlen Service aus Porzellan. Bücher, Ölmalereien und eine Ikone stehen auf einem Holzklavier. Der Stil der Wohnung wirkt wie aus der Zeit gefallen – ein Hauch von Biedermeier in den Resten der Sowjetunion. „Das ist eine gute Location, weil es ein historisches Gebäude ist“, sagt Anna. „Das Haus wird immer teuer sein und eine effektive Investition bleiben.“ Vor dem Haus gibt es sogar Parkplätze, die im Stadtkern normalerweise hart umkämpft sind. Das sei eines der Vorteile gegenüber den Häusern, die unmittelbar am Kreml liegen. „Eine Immobilie innerhalb des Moskauer Gartenrings ist eine hoffnungslose Investition. Sie haben meist ein Holzdach und können leicht in Brand gesteckt werden.“ Anna und Artemi sind froh, nicht in einem Plattenbau zu leben.


Iwan

jungen Mannes, der wegen eines Traumas im Rollstuhl sitzt, sieht auf den ersten Blick gewöhnlich aus. Auf den zweiten Blick offenbart sich, dass die Möbel alles andere als gewöhnlich sind, denn Iwan hat zwei Lieblingshobbys. Das erste Hobby ist das Heimwerken. Rund anderthalb Jahre arbeitete er an einem Konzept für sein Zimmer und besorgte Hölzer, Stoffe und andere Materialien im Baumarkt. Danach schliff, hämmerte, bohrte, lackierte und sägte er alles mit seinen eigenen Händen. Das Ergebnis ist beeindruckend – zum Beispiel das Bett aus Nussholz. Es lässt sich ohne große Mühe zu einem Tisch umfunktionieren. Iwan hebt zunächst die massive Holzplatte nach oben, die dann geschmeidig zur Seite gleitet. „Das Bett hat 12 Schubladen“, erklärt er. Auch für seine Kommode ließ er sich etwas einfallen. Mit einem Handgriff öffnet sie den Zugang zu diversen nützlichen Fächern sowie Tastatur, Computer und Musiksystem. Den weißen Vorhang am Fenster nähte er selbst mit einer japanischen Maschine. Iwan wirkt schüchtern und spricht mit einer gedämpften Stimme. Erst nach einigen Fragen zu seinem zweiten Lieblingshobby taut er auf – dem Sport.

„Ich spiele seit drei Jahren Basketball für Rollstuhlfahrer, bin in die Nationalmannschaft gekommen und nach Europa zur Meisterschaft gefahren“, berichtet er mit Stolz. Auf einem Marathon in Moskau entdeckte er seine Liebe zum Fahrrad. „Man nennt sie Handbikes. Ich habe einen Sportlehrer kennengelernt und gehe seitdem regelmäßig zum Training. Das ist kein Hobby, das ist schon harte Arbeit.“ Tatsächlich hat Iwan auffällig markante Oberarme und breite Schultern. „Ich bin zweifacher russischer Meister“, erzählt er wie beiläufig. Im vergangenen Jahr war er bei einem internationalen Wettbewerb in den Niederlanden. Ein Foto seines Idols verdeckt den Computerbildschirm: Alessandro Zanardi, mehrfacher paralympischer Sieger in der Disziplin Handbike. Für seine Leistungen erhält Iwan Rückendeckung von der russischen Regierung, die Kosten wie Miete und Training übernimmt. „Ich habe alles, um Weltmeister zu werden“, sagt er überzeugt. Auch in Moskau fühlt er sich wohl, obwohl die U-Bahn für Rollstuhlfahrer nicht geeignet ist. „Mir gefällt es sehr, hier zu leben. Diese Stadt hat mir sehr viel gegeben.“ Früher lebte er in einem Dorf, in dem er Holz für den Winter hacken und Wasser aus dem Brunnen holen musste. Dagegen ist Moskau viel komfortabler, sagt er. Heute kann er sich überhaupt nicht vorstellen, an einem anderen Ort zu leben. „Wegfahren und irgendwo zu Gast sein ist gut, aber zu Hause ist es besser. Hier gefällt es mir.“

Anastasia, Amira und Warwara

Anastasia, Amira und Warwara (18) leben in einem Studentenwohnheim der Lomonossow-Universität Moskau. Sie studieren Geographie und bezahlen jährlich 1.000 Rubel Miete – rund 15 Euro. Von außen wirkt das Gebäude wie ein Hochsicherheitsgefängnis: Graue Wände, Gitterstäbe, vergilbte Pflanzen am Eingangsbereich – und misstrauisches Wachpersonal. Ausländer werden nur mit Begleitung und notarieller Ausweisübersetzung hereingelassen. Doch kaum betreten wir das Zimmer der drei jungen Frauen, ändert sich der Eindruck. Hier gibt es große Betten, geräumige Wandschränke, Ess- und Schreibtische, ein sauberes Bad und einen Hausmeister, der binnen eines Tages alles repariert. Schnell wird klar: Das ist eines der modernsten Studentenwohnheime in Russland. „Wir haben hier ziemlich gute Bedingungen“, sagt Anastasia. Sie hat blonde Haare, trägt ein T-Shirt mit dem bunten Schriftzug „Captain America“ und hält einen blauen Plüschhai im Arm. „Glaubt mir, wenn ihr in andere Studentenwohnheime geht, werdet ihr schockiert sein“, fügt Warwara hinzu. Sie hat braune Haare, trägt einen grauen Kapuzenpulli und konzentriert sich im Studium auf die Entwicklung der russischen Wirtschaft. „Ab und zu gibt es Kakerlaken“, scherzt die schwarzhaarige Amira. In ihrem Armen hält sie ein Plüschtier, das an eine Mischung aus Fuchs und Bär erinnert.


Ihre Zukunft wollen die Frauen im Heimatland verbringen. „Ich bleibe in Russland“, erklärt Anastasia. „Ich versuche, in Moskau zu bleiben. Hier gibt es viele Jobchancen. Doch mit den Wohnungen ist es schwierig, weil sie sehr teuer sind.“ Auch Warwara will nicht ins Ausland. „Wahrscheinlich ziehe ich nach Sibirien“, sagt sie. „Ich bleibe in Russland, weil mir das Land sehr gefällt und ich es nicht austauschen möchte.“ Und für Amira steht fest: Nach dem Studium geht es in den Norden, entweder in die Republik Komi oder nach Archangelsk. Die Studentinnen sind glücklich im Wohnheim, obwohl es strenge Regeln gibt. Alkohol und Zigaretten sind verboten, Lärm nach 23 Uhr wird bestraft und Besucher dürfen nicht übernachten. Manche dieser Regeln sind eher absurd – zum Beispiel ist es untersagt, Klammerleuchten im Raum zu befestigen. Doch der günstige Preis und die verhältnismäßig angenehme Wohnsituation lassen darüber schnell hinwegsehen. Was Moskau mit seinen zwölf Millionen Einwohnern angeht, sind sich die jungen Studentinnen einig. Es gebe zwar viele Möglichkeiten, aber die Stadt sei zu groß und zu laut. Als wir nachfragen, was sie mit einer Million Dollar anfangen würden, kommen sie ins Träumen. „Nach Norwegen“, sagt Warwara. „Aber was ist mit Mutter Russland?“, fragt Amira amüsiert. „Aber hier sind doch eine Million Dollar!“, lautet die Antwort. Alle lachen. „Vielleicht Großbritannien“, überlegt Anastasia. Doch dann fällt ihr die Sprachhürde ein. „Na gut, ich weiß nicht. Selbst wenn ich wegfahre, dann nicht für eine lange Zeit. Am Ende ruft die Heimat, und dann will man doch wieder zurück.“

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