«Mich stört es nicht, wenn meine Gäste nach einer durchzechten Nacht wie Zombies aussehen»

Geschäftsführer Eduardo Vaccari redet über den neuen Club «Schallplatz», seine Gäste und erklärt, warum ein grosses Budget nicht automatisch die besten DJs bedeutet.

Kurz vor Jahresende hat an der Heuwaage in Basel ein neuer Club seine Pforten geöffnet. Er heisst «Schallplatz» und richtet sich auf elektronische Musik aus. Heute Abend soll die libanesische Künstlerin Nicole Moudaber das Publikum durch die Nacht begleiten. 

Es gibt insgesamt zwei Floors, wobei der Hauptfloor im Untergeschoss liegt. Dort gibt es zwei Bars sowie ein Fumoir, das direkt an die Tanzfläche angrenzt. Zusammen mit dem oberen Floor fasst der Club 1500 Besucher. Bereits nach Mitternacht ist das Lokal für einen Freitag ordentlich gefüllt. 

 Die Resonanz im Publikum ist positiv. Der 26-jährige Maxim reiste extra aus Deutschland an. Die hohen Eintrittspreise (30 Franken Eintritt, 7 Franken für 0,33 Liter Bier) stören ihn wenig: Die Schweiz sei allgemein ein teures Land, und bei so einem Act bezahle er gerne etwas mehr. Die 32-jährige Simi ist zusammen mit Ndriqim unterwegs. Beide wohnen in Diepflingen. Simi sitzt im Rollstuhl, allerdings fühlt sie sich ungewohnt gut behandelt. «Als körperlich beeinträchtigte Person ist es an solchen Veranstaltungen oft schwierig. Hier ist das Personal sehr hilfsbereit», sagt sie erfreut. Auch ihr Kumpel ist begeistert, er findet die Preise ebenfalls gerechtfertigt. 

 Der Geschäftsführer des «Schallplatz» heisst Eduardo Vaccari und ist 32, halb Venezolaner, halb Italiener. Ich traf ihn zu einem Gespräch.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen neuen Club zu eröffnen? 

Früher war ich lange Zeit Barkeeper im Bücheli. Der Inhaber besass zusätzlich auch diesen Club, in dem früher Hip-Hop lief. Er wollte etwas verändern hier, also schrieb ich ein Konzept und schlug es ihm vor. Er war sofort begeistert und willigte ein.

Lief denn der alte Club nicht mehr? 

Wir hatten das Gefühl, dass es etwas neues braucht. Die Nachfrage für elektronische Musik wächst stetig, auch in Basel. Für mich war Techno immer eine Leidenschaft .Seit 15 Jahren bewege ich mich jedes Wochenende in Clubs. Dafür reiste ich in der ganzen Welt umher.
Nicht die Städte an sich interessierten mich dabei, sondern ihre Clubs. 

Stört es dich nicht, dass Techno inzwischen Mainstream ist?

Nein, überhaupt nicht. Es ist schön mit einer Musikrichtung eine grosse Anzahl an Menschen begeistern zu können. Jeder, der diese Musik liebt und sich anständig benimmt, ist willkommen. Wir möchten auch in verschiedene Richtungen gehen mit dem Schallplatz, es wird zusätzlich zu Techno auch Goa oder Drum’n’Bass Parties geben. Wir sehen darin auch keinen Widerspruch. Es gibt auch Menschen, die eben kein Techno hören. Auch sie sollen unseren Club besuchen.

Das Line-Up ist bisher sehr hochwertig. Wie kommt ihr zu den namhaften Acts?

Als wir erste Agenturen anfragten, hatten wir noch nichts. Keine Website, keine Bilder und keine Videos, auch keine Referenzen.

Also habt ihr mit den Geldscheinen gewedelt?

Keineswegs. Wir haben ein gutes Konzept mit Händen und Füssen. Ein namhafter DJ kriegt auf der ganzen Welt eine hohe Gage. Es spielen dann andere Faktoren eine Rolle. Bei uns war das beispielsweise die gute Anlage. Auch hatten bereits ein grosses Netzwerk, da wir oft in ausländischen Clubs waren und die richtigen Leute kennenlernten. Techno verbindet man eigentlich mit kleinen, dunkeln Kellerräumen. 

Nun seid ihr hier aber mitten in der Stadt und habt einen Club, der insgesamt 1500 Leute fasst. Ist das nicht kontraproduktiv für die Stimmung und müsst ihr nicht bei jeder Party um genug Leute zittern? 

Das Berghain in Berlin oder das Fabric in London ist auch riesig. Natürlich hätte ich mir einen kleineren Club gewünscht. Die Zweifel, ob wir den Club auch wirklich ausreichend füllen, schwingt vor jeder Party mit. Wir trafen jedoch verschiedene Massnahmen, um dem entgegenzuwirken. Den zweiten Floor beispielsweise öffnen wir nur bei sehr grossem Andrang. An Donnerstagen, wo eher weniger Leute kommen, unterteilen wir die Tanzfläche mit Trennvorhängen. 

Eduardo Vaccari

 Wie fühlt man sich als Geschäftsführer eines Clubs?

Ich bin 15 Stunden an sieben Tagen in der Woche beschäftigt. Wenn du im Prozess bist, wo ein Lokal entsteht, ist alles extrem aufwändig bis es sich eingespielt hat. Wir haben zwar Experten für verschiedene Bereiche. Als Chef finde ich jedoch, muss man alle Bereiche kennen. Ich bin jemand, der Aufgaben delegiert, jedoch trotzdem alles überprüft und schaut, ob es wie gewünscht funktioniert. Wenn ich beispielsweise einen Barchef engagiere, dann kümmert er sich zwar um alles, aber trotzdem muss ich sein Aufgabengebiet auch beherrschen. Wenn er nämlich einmal ausfällt oder nicht mehr hier arbeitet, muss ich einspringen können oder den neuen Barchef schulen. Obwohl wir 20 Mitarbeiter pro Nacht haben, ist es sehr anstrengend, alles zu koordinieren. Das pendelt sich erst nach einer gewissen Zeit ein.

Wie stehst du in persönlichem Kontakt mit den gebuchten DJ’s?

Ich hole sie vom Flughafen ab, wir gehen zusammen essen. Unser Kontakt ist immer sehr freundschaftlich. Ich fühle mich in der Rolle des Gastgebers, ich möchte, dass sich unsere Künstler wohl fühlen. Das Feedback war bisher äusserst positiv.

Wie findest du Basel als Ausgangsort? Hast du dir schonmal gewünscht, dass der Club in Zürich ist anstatt hier?

Als Kind verbrachte ich 10 Jahre in Venezuela, seither bin ich in Basel. Es ist meine absolute Lieblingsstadt. Ich finde die Partyszene hier toll, obwohl wir zahlenmässig natürlich nicht mit Zürich mithalten können. In Basel gibt es noch Raum, um etwas neues zu entwickeln.

Wart ihr im Dialog mit anderen Basler Clubs, etwa dem Nordstern? Die Musik ist ja sehr ähnlich, der Raum auch sehr gross, faktisch seid ihr Konkurrenten.

Nein, wir hatten keinen Kontakt, was ich auch gut finde. Konkurrenz belebt das Geschäft. Ich finde es toll, dass in Basel immer mehr Clubs entstehen. Früher sind wir alle nach Zürich gefahren. Jetzt kann man auch in Basel richtig «clubben», also zwischen mehreren Clubs in einer Nacht hin- und her wechseln.
Vor kurzem war ich selbst noch Partygänger, ich möchte diese Sicht niemals verlieren. Weisst du, wie oft ich früher mit dem Taxi zwischen Nordstern und Hinterhof pendelte? Genau das braucht es hier in der Partyszene von Basel.

Wie ist euer Eindruck nach anderthalb Monaten? 

Die Resonanz ist sehr gut. Es überraschte mich, dass so viele Leute kamen, denn der Januar gilt als schwieriger Monat, da Weihnachten und Silvester Geldbeutel und Partylaune der Leute stark beansprucht. Unsere Musikanlage wurde von Kirsch-Audio entwickelt. Die Raumakustik habe ich allerdings zusammen mit Freunde alleine gestaltet. Die Spezialität der Anlage, nämlich die geringe Nachhallzeit, entspricht der eines Tonstudios. Das hat unsere Acts sehr begeistert. Dadurch kann man auch auf der Tanzfläche stehen und sich trotzdem noch normal unterhalten.

Wie steht der Club Drogenkonsum gegenüber?

Es gehört in diese Szene und man kann es kaum verhindern. Ich denke, jeder ist genug alt um zu wissen, was er tut. Es konsumiert auch nicht längst jeder Partygänger Drogen. Solange es diskret geschieht und die Leute sich nicht zu dritt auf der Toilette einsperren und sich vollpumpen, kann ich es tolerieren. Mich stört es nicht, wenn meine Gäste nach einer durchzechten Nacht wie Zombies aussehen. Jeder soll es geniessen können. Securities, die das Gefühl haben, sie müssen übermässig hart durchgreifen, haben hier keinen Platz.

(Erschienen in der bz basel)














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Barfuss im Regen durch Rio

Die bunte Karnevalsstadt möchte sich 2016 zu den Olympischen Spielen von der besten Seite zeigen: Mithilfe umfangreicher Verbesserungen an der Infrastruktur in der Stadt und mit dem ohnehin vorhandenen Charme
der Brasilianer wird Rio de Janeiro zur Trenddestination im neuen Jahr. Auf Einladung von Edelweiss besuchte ich die Stadt für einige Tage. Es war meine erste Berührung mit Südamerika.

Während der Strand der Copacabana gestern noch von Tausenden Menschen gesäumt war, wirkt er heute wie leergefegt. Ein heftiger Wind, begleitet von Nieselregen, verwandelt den Sand in Morast. Einige letzte Badegäste trotten dem aufgewühlten Meer entgegen. Manche nutzen den Sonnenschirm als Regenschutz, andere rennen weggewehten Badetüchern hinterher. Die Putzequipe in orange Leuchtwesten hat sich bereits an die Arbeit gemacht und sammelt den achtlos zurückgelassenen Müll ein: Zigarettenstummel, Flaschen, Dosen, leergeschlürfte Kokosnüsse. Meine Kleider sind bereits durchnässt, allerdings kann ich mir ein Lächeln nicht verkneifen: Während in der Schweiz Temperaturen um den Nullpunkt herrschen und alle Menschen schlottern, bewege ich mich barfuss durch den lauwarmen Regen. Die Tagestemperatur in Brasilien bewegt sich nie unter 23°, und wenige Wochen vor Sommerbeginn im Dezember gibt es bereits einige Hitzetage. 

Die vier Kilometer lange Avenida Atlântica liegt direkt am Meer und ist sonntags für den Verkehr gesperrt. Heute jedoch tuckern mehrere Lastwagen den Strand entlang. Von deren Ladeflächen scheppert elektronische Musik auf eine bunt gekleidete, tanzende Masse. Es ist nicht etwa Karneval, sondern die alljährliche Schwulenparade. Die Teilnehmer sind mit schrillen Farben geschminkt und tragen Masken, ihre verrückten Kostüme bestehen aus hautengen Kleidern mit Glitzerstaub. In gebrochenem Englisch erklärt ein junger Teilnehmer, dass die Schwulenparade ein Zeichen gegen die Diskriminierung von Homosexuellen setzen wolle. Normalerweise würde über eine Million Besucher daran teilnehmen, doch Brasilianer seien eben enorm empfindlich, was Regen anbelange. Der Umzug wird von unzähligen Polizisten begleitet. Polizeipräsenz ist allerdings in der ganzen Stadt und zu jeder Zeit sichtbar. Ein Reiseführer legte mir ans Herz, in der Nacht niemals allein unterwegs zu sein und Wertgegenstände möglichst gut zu verstecken oder gar nicht erst mitzuführen. Gewisse Strassen gelten als besonders gefährlich. Geübte Diebe klauen mit einer solchen Routine, dass man in den wenigen Sekunden eines Diebstahls gar nichts bemerkt. 

In den engen Gässchen der Favelas, der Armenviertel Rios , herrscht reger Betrieb. An den vielen verschachtelten, aneinandergereihten bunten Häuschen gibt es unzählige Marktstände und Bars. Ich beobachte eine Handvoll Männer, welche gerade das Kabel von einem Einkaufsladen zu einem Strommast hin überspannen. Das Stromnetz wird illegal angezapft. Die Masten sehen aus wie Kunstwerke, denn die unzähligen Drähte und Kabel erinnern an Spinnennetze. Vor acht Jahren begann die Regierung, die Favelas permanent mit Polizeieinheiten zu besetzen. Die Kriminellen verkrochen sich, allerdings meldeten sich bewaffnete Banden bereits kurz danach wieder zurück. Das Vertrauen der Bevölkerung in die sogenannte Friedenspolizei ist rapid gesunken. Gegen Bestechungsgelder wird in vielen Favelas beispielsweise der Drogenhandel toleriert. Ein einheimischer Maler, welcher seine Kunst am Strassenrand verkauft, zeigt sich zwar erfreut über den Touristenstrom, welcher nun die vermeintlich sicheren Favelas besucht. Allerdings dürfte er zu einer Minderheit gehören. Der Elendstourismus sorgt bei den Bewohnern der Favelas für Unverständnis. Wer Rio von einer anderen Seite kennen lernen möchte, sollte sich genug Zeit, ein nachvollziehbares Motiv und eine geeignete Begleitperson suchen. Einen weiteren Grund für eine Reise nach Rio stellen die bevorstehenden Olympischen Spiele im nächsten Jahr dar. 

Anders als in den Favelas wimmelt es in Rio momentan von Baustellen. Und man darf gespannt sein, ob der angeborene Optimismus der Brasilianer für eine pünktliche Fertigstellung der Stadien und Verkehrsverbesserungen reicht. Die Einheimischen betrachten das sportliche Fest als Chance. «Nachdem wir letztes Jahr bereits während der Fussballweltmeisterschaften unsere Gastfreundschaft unter Beweis stellen konnten, steht während der Olympischen Spiele die Stadt Rio de Janeiro im Fokus. Wir freuen uns auf zahlreiche Gäste», erklärt Leonardo, Betreiber der Bar Abençoado an der Copacabana, erfreut. Ein Grossteil der teuer gebauten Infrastruktur soll nach den Spielen den Einheimischen zugute kommen. Ein Teil der Stadien wird in Konzerthallen oder gar Schulen umgewandelt. Die Wohnungen im olympische Dorf Barra da Tijuca, welche Platz bieten für 18 000 Menschen, werden danach als Luxusappartements vermietet. Und die verkehrstechnische Aufwertung hat Rio sowieso bitter nötig. 

Die zwei bekanntesten Attraktionen für Touristen sind unbestritten der Zuckerhut und die Christusstatue Cristo Redentor. Dank der nebensaisonalen Jahreszeit halten sich die Wartezeiten allerdings im Rahmen. Den Zuckerhut erreicht man mit zwei Seilbahnen. Oben begegnet man neben einer wunderschönen Aussicht und diversen Verpflegungsmöglichkeiten auch einem Victorinox-Verkaufsstand, dazu einer riesigen Wand, auf der eifrige Touristen ihre Unterschrift platzieren können. Einige besonders Kreative malen eine Botschaft an die Wand, stellen sich dann davor und fotografieren sich mit ihrem Handy. Meist ist die Spitze des Zuckerhuts von kleinen Dampfschwaden umgeben. Gepaart mit der Abendsonne, ergibt sich eine traumhafte Stimmung.

Bereits auf dem Weg zum Corcovado, wo die weltbekannte Christusstatue steht, stösst man auf weitere Spuren aus der Schweiz. Die Bahn, welche die Besucher auf den Hügel hinauf bringt, stammt nämlich ursprünglich aus der Schweiz und benutzt eine ähnliche Technik und Rollmaterial wie die Jungfraujochbahn. Kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts hörte der brasilianische Kaiser Dom Pedro II. von der Zuverlässigkeit der Schweizer Bahntechnik, sodass noch vor der Eröffnung der Jungfraujochbahn die Corcovado-Bahn in Betrieb genommen wurde. Jährlich fahren über 600 000 Passagiere zur 38 Meter hohen, 700 Tonnen schweren Statue hinauf. Es lohnt sich, den Ausflug am frühen Morgen einzuplanen. Das erspart einem Wartezeit und Besuchermassen. 

Eine tolle Gelegenheit, die brasilianische Tanzlust zu erleben, ist ein Besuch einer Sambaschule, wo die Tänze für den Karneval im Februar nächsten Jahres eingeübt werden. Die unzähligen Schulen, welche meist in den Favelas entstanden, werden kurz vor Beginn des Karnevals von 40 Punktrichtern bewertet. Die beste Schule bekommt ein Preisgeld und darf ganz vorn im Umzug mitlaufen. Als ich die Salgueiro-Samba-Schule im Norden der Stadt an einem Samstagabend kurz vor Mitternacht aufsuche, ist die riesige Halle bereits voll mit tanzenden Menschen. Schule ist womöglich ein zu strenger Begriff. «Für Brasilianer ist es der ultimative Treffpunkt. Viele treffen sich hier einfach zum Caipirinha und verbringen zusammen den Abend», erklärt die 18-jährige Ester, welche in der Auswahl für den Karneval 2016 steht.


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