Nils und die gestohlenen Träume

Nils befand sich auf dem Weg nach Hause. In dem hölzernen Bahnhofshäuschen gegenüber dem Bahnsteig brannte noch Licht. Er schien trotzdem der einzige Passagier zu sein. Vielleicht war er zu spät gekommen. Vielleicht war der Lokführer an einem Herzinfarkt gestorben und der Zug somit ohne Halt bereits vorbeigerattert. Winzige Schneeflocken tanzten im Wind, Nils zog seine Mütze tiefer über den Kopf. An seiner Nasenspitze säumte sich ein winziges Bächlein aus eisig kaltem Wasser. «Unmöglich, der kommt bestimmt noch!», wisperte er vor sich hin, holte ein zerfleddertes Taschentuch aus der Hose und putzte sich damit die Nase. Wenn Nils eine Schwäche hatte, dann war es die panische Angst davor, an einem Ort fest zu sitzen und schlimmstenfalls bis zum nächsten Morgen nicht weiter zu kommen. Natürlich gab es in der Umgebung mehrere Gasthäuser und gewiss auch Einheimische, die ihn wohlwollend aufnehmen würden, sofern er die Bahn verpasste. Er wusste sogar, was er diesen barmherzigen Menschen am Morgen beim Abschied zurufen würde, nachdem die Nacht in einem warmen Gästebett verbrachte. Trotzdem beschlich ihn jedes Mal ein mulmiges Gefühl, wenn ein Zug Verspätung hatte oder jemand ihn nicht zum vereinbarten Zeitpunkt abholte. 

In der Ferne klangen Kirchenglocke, Nils zählte die ersten paar mit, verlor sich dann aber. Inzwischen musste es doch längst neun Uhr sein. Dummerweise war die Uhr, welche an einem Stahlträger angebracht hing längst ausser Betrieb. Das weisse Zifferblatt war mit Rost bedeckt, von den Zeigern nichts zu sehen. Die unter der Uhr mit einem Seil befestigte Laterne wankte im Wind hin- und her. Nils betrachtete das Spiel aus der Nähe. Sein sanftes, verträumtes Gesicht flackerte in dem Licht und aus dem Schattenwurf der Mütze glitzerten seine winzigen, feurigen Augen hervor. Das jugendliches Aussehen schien ihm für immer erhalten zu bleiben. Wenn er keine Mütze trug und ihm sein feines, hellblondes Haar über die Stirn fiel, wirkte sein Gesicht wie eine Maske aus Wachs. Nils kräuselte seine feinen, blassen Lippen und wandte sich erschrocken von der Laterne ab. Im Bahnhofshäuschen kam Bewegung auf. Eine Silhouette bewegte sich hastig vor der schmutzigen Scheibe. Es schien, als würde sie etwas suchen.
Nils zog seinen Mantel enger zu. Er kniff ein Auge zusammen und trat einen Schritt näher zum Gleis. Die Silhouette in dem Häuschen schien diese Bewegung zu bemerken, denn sie hielt inne und trat ganz nahe an die Scheibe. Nils erblickte ein Gesicht. Es schien völlig entstellt und vernarbt zu sein. Augen konnte er keine erkennen, dafür mehrere Ohren und einen riesigen Mund, welcher weit aufklaffte. Das erbärmliche Licht erlosch plötzlich. 

Von der Seite war nun ein Luftzug zu spüren, begleitet durch schreckliches Geschrei. Das eiserne Monster war aus dem Nichts gekommen und drosselte seine ungehörige Geschwindigkeit nun so stark, dass die Räder wehklingend ächzten Der von ihm herbeigesehnte Zug stand nur genau vor ihm. In den ungefähr drei Waggons brannte überall ein fahles Licht. Viele Passagiere waren mit dem Kopf an das Fenster angelehnt und schliefen.
Ganz hinten öffnete sich eine Türe und jemand verliess den Zug. Wenig später rollten die metallenen Räder langsam erneut los. Mit lautem Kreischen ging es weiter. Die roten Lichter des letzten Waggons schienen der Welt ein letztes Zeichen hinterlassen zu wollen.

Nils stand immer noch auf dem Bahnsteig. Der Schneefall hatte sich verdichtet. Nur noch die Umrisse des Häuschens gegenüber waren erkennbar. Mit schleppenden Schritten lief er in dessen Richtung. Die Schienen knarrten unter seinen Füssen. Sein Gesicht zuckte, seine Augen schienen noch kleiner zu werden als zuvor. Mit einem grossen letzten Schritt trat er vor die Fensterscheibe. Er faltete seine Hände zu einem Trichter und versuchte hineinzublicken, doch es war zu dunkel. Der Schnee sammelte sich bereits auf seiner Mütze. Nils umrundete das Häuschen und stand schliesslich vor dem Eingang. Er griff nach der Klinke der abgeschabten Holztüre und drückte sie herunter. Sie schien keinen Widerstand zu geben, doch in dem Moment, als er alle Kraft daran setzte sie hinunter zu drücken, konnte er eine leise Stimme hinter sich hören: «Was tust du denn da? Das Bahnhofshäuschen ist geschlossen. Und sowieso, es ist alles weg. Deine Träume sind mein.»

Es war nicht Schrecken oder Zorn, was sich Nils bemächtigte. Er kannte alles schon zu Genüge. Diesen Moment hatte er schon tausend Mal erlebt. Blut strömte in seinen Kopf und liess ihn eine ungewohnte Wärme im Gesicht spüren. Für eine kurze Zeit schien der Schneefall inne zu halten. Die Flocken waren immer noch da, aber sie bewegten sich nicht mehr zum Boden. Nils drehte sich um. Da war die Silhouette, graziös schien sie von einem Fuss auf den anderen zu tänzeln. Ein merkwürdiges Kichern und Glucksen war zu hören. Nils konnte dem Wusch das Gesicht der Gestalt genauer zu sehen nicht widerstehen. Mit kurzen Schritten lief er auf sie zu. Überraschenderweise tat die Gestalt dasselbe, bald stand Nils so dicht vor ihr, dass er den Atem fühlen konnte. Er war noch viel kälter als die eisige Luft, und ohne jeglichen Geruch. Nils keuchte,er konnte seine Maske der Gelassenheit nicht mehr länger halten. Unbeholfen versuchte er zwei Schritte Abstand zu nehmen und stolperte dabei.

«Was willst du?», schrie er aufgebracht. Die Gestalt rührte sich nicht mehr. Nach einiger Zeit erneut die zarte Stimme: «Ich habe alles. Wie konntest du nur so dumm sein und deine Träume in dem Häuschen verstecken?«. Nils konnte nicht mehr klar denken. Ein stechender Schmerz durchdrang seinen Kopf. Mit grosser Wucht prallten seine Knie auf den zugefrorene Asphalt.
Die Kreatur strömte in seinen Körper und machte alles taub. Nils fiel endgültig zurück und wurde von der Kälte, dem Schnee und dem Wind weggetragen. Er sah die Sterne, sie glänzten und lachten ihn an. Er wollte gerne zu ihnen gehen und ihre Wärme spüren. Doch womöglich war es diesmal zu spät. 

Jemand zerrte an seinem Arm und schrie ihn an. Einmal trat Nils noch mit voller Wucht ins Leere. Er öffnete seine Augen, helles Licht verhinderte es, im ersten Moment etwas zu erkennen. Das Rattern des eisernen Monsters war ohrenbetäubend. «Aufwachen, Junge! Hör auf hier rumzuschreien! Bist du wahnsinnig?», hörte Nils eine wütende Stimme zetern. Sie wirkte wie eine kalte Dusche für seine Sinne. Gleichmässig wankte der Waggon hin- und her. Der Schnee trommelte lautlos an die zerkratzen Scheiben. Einen Moment lang blickte er nach draussen. Im Spiegelbild erkannte er einen bärtigen, alten Mann, der vor seinem Abteil stand, leicht zu ihm gebeugt. «Entschuldigen Sie. Nur ein böser Traum.», nuschelte Nils möglichst gelassen. «Spinner. Spinner!», rief der Mann noch während er auf dem Absatz kehrt machte und polternd davon lief. Im Abteil nebenan kauerte ein Mädchen mit angezogenen Beinen an das Fenster gedrückt. Nils ergriff eine grosse Lust, sich mit dem Mädchen zu unterhalten. Leicht verwirrt wankte er hinüber und liess sich auf die Sitzbank gegenüber fallen.

(Januar 2016)


Endstation Brig – Wie die Schweiz Migranten aus dem Süden den Transit vermiest

Text: Daniel Fuchs, Aargauer Zeitung

Der Nachtzug von Mailand nach Paris ist beliebt bei Migranten. Was keiner weiss: Er rollt durch die Schweiz. Hier greifen die Grenzwächter jene ohne gültige Papiere auf. Wir waren dabei. Es riecht nach Schlaf und nach abgestandenem Schweiss. Die Schweizer Grenzwächter zwängen sich durch den schmalen Seitengang von Tür zu Tür. «Police, open the door!», sagt einer und klopft. Es ist zwei Uhr in der Nacht. 15 Minuten sind vergangen, seit der Nachtzug «Thello» auf Gleis 1 in Brig eingefahren ist.

Gegenüber den Schlafwagenabteilen liegen auf der Fensterbank die Reisepapiere der Passagiere bereit. Italiener, Franzosen, Amerikaner, Koreaner, Nigerianer, Gambier, Tunesier, Pakistani, Kongolesen, Ukrainer befinden sich an Bord.

Der Thello ist der Nachtzug, der die norditalienischen Städte Mailand und Venedig mit Paris verbindet. Touristen nehmen ihn auf ihrem Europatrip, Geschäftsleute oder Reisende, die ihre Bekannten und Verwandten besuchen. Unter ihnen sind auch Migranten, Flüchtlinge. «Wir treffen auf diesem Zug gleich vielen Nationalitäten an, wie auf einem internationalen Flughafen», sagt Hauptmann Patrick Benz. Jean-Luc Boillat kommandiert die Operation. Mit dabei ist auch ein Fälschungsexperte. Er wird noch einiges zu tun haben in dieser Nacht.

Der Thello, eine Art Migranten-Express, fährt die Strecke zwischen Italien und Frankreich jede Nacht. In keinem Zug auf dieser Strecke reisen mehr Migranten mit. Viele wollen von Frankreich weiter nach Grossbritannien. Das Schweizer Grenzwachtkorps macht in Brig sogenannte Schwerpunktkontrollen. Aus taktischen Gründen will Benz nicht sagen, wie oft. «Wir kontrollieren den Zug ein paar Mal jeden Monat», sagt Benz. Zu häufigeren Kontrollen reichen dem Grenzwachtkorps die Ressourcen nicht aus, ohne anderswo Abstriche zu machen. Systematische Kontrollen sind auch aus rechtlicher Sicht nicht möglich. Sie würden das Prinzip des freien Personenverkehrs in Europa verletzen.

Waggon für Waggon arbeiten sich die Grenzwächter durch den Zug. Ihr Blick verharrt auf schlaftrunkenen Gesichtern. Es ist nicht einfach, die Passfotos in den Papieren mit den Gesichtern der Menschen abzugleichen, die in den Couchette-Abteilen liegen. «Wir kontrollieren jeden Einzelnen», sagt Benz. Bei einem jungen Mann mit Pass aus Burkina Faso stutzen die Beamten. Das Gesicht will gar nicht zum Passbild passen. Die Grenzwächter übergeben den jungen Mann ihrem Kollegen auf dem Perron.

Am frühen Abend haben die Passagiere in Venedig den Zug bestiegen. Andere sind später zugestiegen. Die meisten in Mailand um elf Uhr. Der Zug ist nur halb voll. 260 Passagiere haben die italienischen Staatsbahnen der Schweizer Grenzwache gemeldet. Die wenigsten Passagiere wussten überhaupt, dass der Zug nach Frankreich via Schweiz fährt. Im Fahrplan steht nichts von einem Halt auf Schweizer Boden.


Die Angehaltenen sind müde und verunsichert. «Uniformen sind in manchen ihrer Heimatländer nicht gerade mit Vertrauen verbunden», gibt Hauptmann Benz zu bedenken. «Das müssen wir berücksichtigen.» Die Grenzwächter sind freundlich, aber bestimmt im Ton. «Das sind keine Verbrecher und es ist nicht angenehm, mitten in der Nacht von Uniformierten aus dem Schlaf gerissen zu werden», sagt Benz. Ein älterer, rundlicher Mann reicht ihm einen Stapel Pässe. «Ich bin der Manager einer Band aus Gambia. Hier, die Ausweise der Mitglieder», sagt er.

Mit den gambischen Pässen ist alles in Ordnung. Die Kontrollen verlaufen ruhig. So ist es nicht jede Nacht. Benz erzählt von Menschen, die sich in den Hohlräumen unter den Sitzbänken verstecken. Oder auf den Gepäckablagen oben in den Schlafabteilen. Auch sei es vorgekommen, dass sich Zugbegleiter haben bestechen lassen und Migranten sich von ihnen in Ablagekammern einschliessen liessen.

Auch Kommandant Boillat hat schon manches gesehen. «Einmal hatten wir einen Afghanen mit einer Schussverletzung. Unglaublich, er muss in seiner Heimat angeschossen worden sein.» Boillat schüttelt den Kopf. Der verletzte Afghane wurde damals von den Franzosen in die Schweiz weggewiesen.

Das ist einer der Gründe, weshalb das Grenzwachtkorps in Brig Kontrollen macht. Rückübernahmeabkommen müssen eingehalten werden. Wer ohne Papiere aus Italien in die Schweiz einreist, kann nach Italien zurückgebracht werden. In Frankreich verhält es sich gleich. «Dann müssen wir die Abgewiesenen in Vallorbe abholen und weiter schauen mit den Italienern, ob wir sie nach Domodossola bringen können», sagt Benz. So wird eben der Zug in der Schweiz angehalten. Erst anderthalb Stunden später, um 3.15 Uhr in der früh, rollt der Thello weiter. «Wir kontrollieren, solange es nötig ist», sagt Hauptmann Benz. Auf den Fahrplan nehmen die Grenzwächter keine Rücksicht.

Zum jungen Mann aus Burkina Faso kommen weitere 15 Passagiere hinzu. Auch bei ihnen waren die Papiere unzureichend, gefälscht oder sie fehlten ganz. Für sie ist Brig in dieser Nacht Endstation. Vor einem erneuten Versuch, nach Frankreich zu kommen, müssen sie zurück nach Italien. Der Zug ist abgefahren. Ausnahmslos sind es Männer, die nun in einem grossen Warteraum sitzen. Viele von ihnen sind jung. Sie warten darauf, von den Grenzwächtern befragt zu werden. Erklärungen in 50 Sprachen liegen zur Übersetzung auf. Es ist ruhig, die Männer sind müde. Einer der Grenzwächter bringt Tee, Kaffee und Biscuits. Nach der ersten Befragung wird einer nach dem anderen in einen der Nebenräume gebracht.

Dort nehmen ihnen die Beamten die Fingerabdrücke. Sie werden ins Schweizer System eingespeist. Gleichzeitig überprüfen sie in Datenbanken, ob nach einem der Männer gefahndet wird. Danach geht es zur körperlichen Durchsuchung. «Wir suchen sie nach Schmuggelwaren oder Waffen ab», erklärt Benz. Einer protestiert. Er verlangt, dass die Türe ganz geschlossen wird, als zwei Beamte ihn auffordern, sich auszuziehen. Bei einem Afrikaner mit jugendlichem Gesicht werden die Grenzwächter fündig. Er hat sich als Kongolese ausgegeben, doch sein Pass ist gefälscht. In seiner Unterhose hat er weitere gefälschte Papiere und 98 gefälschte 50-Euro-Scheine versteckt. Die Grenzwächter haben ihn in einer abgeschlossenen Kammer mit Milchglas separiert. Später werden sie den Geldschmuggler der Kantonspolizei übergeben.

Die Bahnhofsuhr auf Gleis 1 zeigt bereits halb fünf Uhr. Ein paar der aufgegriffenen Männer schlafen, andere starren müde vor sich hin. «Betten stellen wir keine auf», sagt Hauptmann Benz. Der Bahnhof erwacht. Menschen auf dem Weg zur Arbeit erscheinen. Soldaten ziehen ihre schwere Rollkoffer hinter sich her. Was für ein Kontrast zum leichten Gepäck, das die Grenzwächter den angehaltenen Migranten abgenommen haben. Die meisten von ihnen hatten gerade einmal einen kleinen Rucksack dabei. Statt in Frankreich sind sie in Brig sitzen geblieben. Und warten, bis das Grenzwachtkorps die italienischen Kollegen erreicht hat. Und ihnen die Rückreisetickets ausgestellt hat. 

Die Grenzwächter sprechen sich mit den SBB ab und setzen die Männer in Züge, in denen es Platz hat. Hauptmann Benz sagt: «Die Wegweisung einer Gruppe wie dieser erfolgt immer physisch.» Also in Domodossola, wo die italienische Grenzwacht wartet. «Je nach Stimmung in der Gruppe werden sie von unterschiedlich vielen Beamten begleitet», so Benz. Während mit den Soldaten die ersten Pendler nach Bern fahren, warten die Afrikaner und Asiaten noch immer darauf, zurück nach Italien gebracht zu werden. Kein Einziger hat in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt. Nach einer langen Nacht folgt für sie ein noch längerer Tag.








Democrats Abroad

Geburtstagsparty? Die Wahlen in den USA.

Nach Abgabe des Stimmzettels dürfen die Bürger einen Pin setzen in ihrem Heimatbundesstaat.

Julia Gray hilft mit als Freiwillige.  «Helfen ist patriotische Pflicht», findet die Freiwillige Julia Gray

Eine kleine Podiumsdiskussion weckt das Interesse der Menschen.

Schachtelweise Merchandise-Arti- kel, T-Shirts und Anstecker, liegen auf.

Manchmal klemmt der Kugelschreiber.

Die Anmeldungstische.

Hart verdient: Den Sticker gibt es im Gegensatz zu den T-Shirts und Pins kostenlos.

Im Hotel Warwick, nur wenige Meter vom Bahnhof Genf entfernt, stimmen Exil-Amerikaner über die Zukunft ihres Landes ab. Zumindest indirekt. 

Mit vierzig Freiwilligen hat die Organisation «Democrats abroad» den Salon Mont Blanc gemietet und so hergerichtet, dass man sich als Besucher glatt in den USA wähnt. Bunte Luftballons, goldener Teppich und schimmernde Tapeten. 

In Genf ist alles bereit für das erste von zwei Vorwahl-Happenings der Demokraten in der Schweiz. Am Samstag steigen die «Primaries», wie solche Vorwahlen heissen.
Vor einer Handvoll Zuhörer sezieren zwei New Yorker den sich immer mehr zum Spitzenkandidaten der Republikaner mausernden Donald Trump, der wie sie aus New York stammt.  

Die Wähler müssen Wohnadresse und Telefonnummer angeben. Auch die letzte Wohnadrese in den USA darf nicht fehlen. Sie ist wichtig, weil Ausland-Amerikaner nur mit einer registrierten Heimat- Adresse wahlberechtigt sind. Für im Ausland geborene Amerikaner, die nie in den USA gelebt haben, gelten je nach Bundesstaat andere Regeln. 

Am Schluss wird es Hillary Clinton sein, die Trump stoppen kann. Darüber ist man sich hier in Genf einig. Doch der Abend birgt eine Überraschung: Nur 104 der Schweiz-Amerikaner wählen Clinton. 112 stimmen für Sanders. 








«Mich stört es nicht, wenn meine Gäste nach einer durchzechten Nacht wie Zombies aussehen»

Geschäftsführer Eduardo Vaccari redet über den neuen Club «Schallplatz», seine Gäste und erklärt, warum ein grosses Budget nicht automatisch die besten DJs bedeutet.

Kurz vor Jahresende hat an der Heuwaage in Basel ein neuer Club seine Pforten geöffnet. Er heisst «Schallplatz» und richtet sich auf elektronische Musik aus. Heute Abend soll die libanesische Künstlerin Nicole Moudaber das Publikum durch die Nacht begleiten. 

Es gibt insgesamt zwei Floors, wobei der Hauptfloor im Untergeschoss liegt. Dort gibt es zwei Bars sowie ein Fumoir, das direkt an die Tanzfläche angrenzt. Zusammen mit dem oberen Floor fasst der Club 1500 Besucher. Bereits nach Mitternacht ist das Lokal für einen Freitag ordentlich gefüllt. 

 Die Resonanz im Publikum ist positiv. Der 26-jährige Maxim reiste extra aus Deutschland an. Die hohen Eintrittspreise (30 Franken Eintritt, 7 Franken für 0,33 Liter Bier) stören ihn wenig: Die Schweiz sei allgemein ein teures Land, und bei so einem Act bezahle er gerne etwas mehr. Die 32-jährige Simi ist zusammen mit Ndriqim unterwegs. Beide wohnen in Diepflingen. Simi sitzt im Rollstuhl, allerdings fühlt sie sich ungewohnt gut behandelt. «Als körperlich beeinträchtigte Person ist es an solchen Veranstaltungen oft schwierig. Hier ist das Personal sehr hilfsbereit», sagt sie erfreut. Auch ihr Kumpel ist begeistert, er findet die Preise ebenfalls gerechtfertigt. 

 Der Geschäftsführer des «Schallplatz» heisst Eduardo Vaccari und ist 32, halb Venezolaner, halb Italiener. Ich traf ihn zu einem Gespräch.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen neuen Club zu eröffnen? 

Früher war ich lange Zeit Barkeeper im Bücheli. Der Inhaber besass zusätzlich auch diesen Club, in dem früher Hip-Hop lief. Er wollte etwas verändern hier, also schrieb ich ein Konzept und schlug es ihm vor. Er war sofort begeistert und willigte ein.

Lief denn der alte Club nicht mehr? 

Wir hatten das Gefühl, dass es etwas neues braucht. Die Nachfrage für elektronische Musik wächst stetig, auch in Basel. Für mich war Techno immer eine Leidenschaft .Seit 15 Jahren bewege ich mich jedes Wochenende in Clubs. Dafür reiste ich in der ganzen Welt umher.
Nicht die Städte an sich interessierten mich dabei, sondern ihre Clubs. 

Stört es dich nicht, dass Techno inzwischen Mainstream ist?

Nein, überhaupt nicht. Es ist schön mit einer Musikrichtung eine grosse Anzahl an Menschen begeistern zu können. Jeder, der diese Musik liebt und sich anständig benimmt, ist willkommen. Wir möchten auch in verschiedene Richtungen gehen mit dem Schallplatz, es wird zusätzlich zu Techno auch Goa oder Drum’n’Bass Parties geben. Wir sehen darin auch keinen Widerspruch. Es gibt auch Menschen, die eben kein Techno hören. Auch sie sollen unseren Club besuchen.

Das Line-Up ist bisher sehr hochwertig. Wie kommt ihr zu den namhaften Acts?

Als wir erste Agenturen anfragten, hatten wir noch nichts. Keine Website, keine Bilder und keine Videos, auch keine Referenzen.

Also habt ihr mit den Geldscheinen gewedelt?

Keineswegs. Wir haben ein gutes Konzept mit Händen und Füssen. Ein namhafter DJ kriegt auf der ganzen Welt eine hohe Gage. Es spielen dann andere Faktoren eine Rolle. Bei uns war das beispielsweise die gute Anlage. Auch hatten bereits ein grosses Netzwerk, da wir oft in ausländischen Clubs waren und die richtigen Leute kennenlernten. Techno verbindet man eigentlich mit kleinen, dunkeln Kellerräumen. 

Nun seid ihr hier aber mitten in der Stadt und habt einen Club, der insgesamt 1500 Leute fasst. Ist das nicht kontraproduktiv für die Stimmung und müsst ihr nicht bei jeder Party um genug Leute zittern? 

Das Berghain in Berlin oder das Fabric in London ist auch riesig. Natürlich hätte ich mir einen kleineren Club gewünscht. Die Zweifel, ob wir den Club auch wirklich ausreichend füllen, schwingt vor jeder Party mit. Wir trafen jedoch verschiedene Massnahmen, um dem entgegenzuwirken. Den zweiten Floor beispielsweise öffnen wir nur bei sehr grossem Andrang. An Donnerstagen, wo eher weniger Leute kommen, unterteilen wir die Tanzfläche mit Trennvorhängen. 

Eduardo Vaccari

 Wie fühlt man sich als Geschäftsführer eines Clubs?

Ich bin 15 Stunden an sieben Tagen in der Woche beschäftigt. Wenn du im Prozess bist, wo ein Lokal entsteht, ist alles extrem aufwändig bis es sich eingespielt hat. Wir haben zwar Experten für verschiedene Bereiche. Als Chef finde ich jedoch, muss man alle Bereiche kennen. Ich bin jemand, der Aufgaben delegiert, jedoch trotzdem alles überprüft und schaut, ob es wie gewünscht funktioniert. Wenn ich beispielsweise einen Barchef engagiere, dann kümmert er sich zwar um alles, aber trotzdem muss ich sein Aufgabengebiet auch beherrschen. Wenn er nämlich einmal ausfällt oder nicht mehr hier arbeitet, muss ich einspringen können oder den neuen Barchef schulen. Obwohl wir 20 Mitarbeiter pro Nacht haben, ist es sehr anstrengend, alles zu koordinieren. Das pendelt sich erst nach einer gewissen Zeit ein.

Wie stehst du in persönlichem Kontakt mit den gebuchten DJ’s?

Ich hole sie vom Flughafen ab, wir gehen zusammen essen. Unser Kontakt ist immer sehr freundschaftlich. Ich fühle mich in der Rolle des Gastgebers, ich möchte, dass sich unsere Künstler wohl fühlen. Das Feedback war bisher äusserst positiv.

Wie findest du Basel als Ausgangsort? Hast du dir schonmal gewünscht, dass der Club in Zürich ist anstatt hier?

Als Kind verbrachte ich 10 Jahre in Venezuela, seither bin ich in Basel. Es ist meine absolute Lieblingsstadt. Ich finde die Partyszene hier toll, obwohl wir zahlenmässig natürlich nicht mit Zürich mithalten können. In Basel gibt es noch Raum, um etwas neues zu entwickeln.

Wart ihr im Dialog mit anderen Basler Clubs, etwa dem Nordstern? Die Musik ist ja sehr ähnlich, der Raum auch sehr gross, faktisch seid ihr Konkurrenten.

Nein, wir hatten keinen Kontakt, was ich auch gut finde. Konkurrenz belebt das Geschäft. Ich finde es toll, dass in Basel immer mehr Clubs entstehen. Früher sind wir alle nach Zürich gefahren. Jetzt kann man auch in Basel richtig «clubben», also zwischen mehreren Clubs in einer Nacht hin- und her wechseln.
Vor kurzem war ich selbst noch Partygänger, ich möchte diese Sicht niemals verlieren. Weisst du, wie oft ich früher mit dem Taxi zwischen Nordstern und Hinterhof pendelte? Genau das braucht es hier in der Partyszene von Basel.

Wie ist euer Eindruck nach anderthalb Monaten? 

Die Resonanz ist sehr gut. Es überraschte mich, dass so viele Leute kamen, denn der Januar gilt als schwieriger Monat, da Weihnachten und Silvester Geldbeutel und Partylaune der Leute stark beansprucht. Unsere Musikanlage wurde von Kirsch-Audio entwickelt. Die Raumakustik habe ich allerdings zusammen mit Freunde alleine gestaltet. Die Spezialität der Anlage, nämlich die geringe Nachhallzeit, entspricht der eines Tonstudios. Das hat unsere Acts sehr begeistert. Dadurch kann man auch auf der Tanzfläche stehen und sich trotzdem noch normal unterhalten.

Wie steht der Club Drogenkonsum gegenüber?

Es gehört in diese Szene und man kann es kaum verhindern. Ich denke, jeder ist genug alt um zu wissen, was er tut. Es konsumiert auch nicht längst jeder Partygänger Drogen. Solange es diskret geschieht und die Leute sich nicht zu dritt auf der Toilette einsperren und sich vollpumpen, kann ich es tolerieren. Mich stört es nicht, wenn meine Gäste nach einer durchzechten Nacht wie Zombies aussehen. Jeder soll es geniessen können. Securities, die das Gefühl haben, sie müssen übermässig hart durchgreifen, haben hier keinen Platz.

(Erschienen in der bz basel)

Using Format