Leben als Zielscheibe: Ein Playofftag mit Eishockey-Schiedsrichtern

(Text: François Schmid-Bechtel / Nordwestschweiz)

Pfiffe, Beleidigungen, Buhrufe: Eishockey-Schiedsrichter werden in allen Stadien gehasst. Warum tut man sich das an? Ein Playoff-Tag mit Eishockey-Schiedsrichter Daniel Stricker, der sagt: «Die Schiedsrichterei ist eine Bereicherung.»

Linienrichter Franco Castelli liegt bäuchlings am Boden, macht Dehnungsübungen. Head-Schiedsrichter Daniel Stricker fragt: «Suchst du eine Maus?» Es sind noch acht Minuten bis zum Spielbeginn. Bern gegen Biel. Spiel 3 im Playoff-Viertelfinal. Leben oder sterben. Dass es sich dabei um ein Derby handelt, macht die Sache noch brisanter. Die Berner Hockey-Kathedrale ist voll. Adrenalingeschwängert bis unters Dach – heiliger Bimbam.

Doch von Anspannung ist in der engen Kabine der Schiedsrichter nichts zu spüren. Stünden Pritschen drin, man wähnte sich in einer Knast-Zelle. Der Schwede Marcus Vinnerborg, zweiter Head, erzählt einen Witz. Lachen, abklatschen, raus aufs brennende Eis.

Lachen ermutigt. Eishockey-Schiedsrichter können das gut gebrauchen. Drohungen in den sozialen Netzwerken, Buhmann in den Medien, Verschmähungen in den Stadien, Beleidigungen auf dem Eis – lustig ist anders.

Dagegen sind die Entbehrungen, die sie für das Leben als Zielscheibe auf sich nehmen, nicht klein. Castelli beispielsweise arbeitet zu 100 Prozent als Pflegefachmann in einem Spital im Tessin. Zu Hause ist er nach diesem Spiel um drei Uhr nachts. Arbeitsbeginn ist ausnahmsweise nicht um sieben, sondern um acht Uhr. Kommt dazu, dass seine Partnerin in den kommenden Wochen ihr erstes Kind erwartet.

Was ihn aber nicht daran hindert, dreimal pro Woche eine Nachtschicht in irgendeiner Eishockey-Arena der Schweiz einzulegen. Warum tut er sich das an? «Ich mache es nur aus einem Grund», sagt Castelli und klopft auf sein Herz.

Einer, der sich zumindest nicht über fehlende Erholung beklagen kann, ist Daniel Stricker. Der 41-Jährige ist einer von sechs Profi-Schiedsrichtern in der Schweiz. Ich treffe ihn in seiner Wohnung in der Agglomeration Zürich. Es sind noch zehn Stunden bis zum Showdown in Bern.

Stricker wächst in Herisau auf. Der lokale Hockey-Klub etabliert sich in dieser Zeit als feste Grösse in der NLB. Die Spieler gelten als Eisheilige. Verehrt im ganzen Dorf. Auch Stricker spürt die Magie. Er fühlt sich zum Eishockey hingezogen. Doch er darf nicht. Einzig der Turnverein und der Unihockey-Klub werden von den Eltern geduldet.

Als Stricker 15 ist, fragte ihn der Vater des heutigen Davos-Verteidigers Beat Forster, ob er Hockey-Schiedsrichter werden wolle. Stricker kennt weder die Regeln, noch kann er Schlittschuh laufen. Doch die Neugier überwiegt. Ein Jahr später leitet der Maschinenzeichner-Lehrling bereits Partien bei den Erwachsenen.

Das Tempo seines Aufstiegs ist atemberaubend. Mit 21 Linienrichter in der NLA. Mit 27 Head-Schiedsrichter. Dann, 2011, das Angebot als Profi. Stricker sagt nicht gleich zu.

«Als Schiedsrichter lebst du wie in einem eigenen Mikrokosmos. Der Kreis jener, die dir nicht wohlgesinnt sind, ist ungleich grösser. Mein Job als Qualitätsleiter war das perfekte Kontrastprogramm. Ich genoss die Interaktion mit Menschen, die nicht von vornherein gegen mich sind, sondern mit mir ein Ziel erreichen wollen.» 

Bei allen Zweifeln: Die Leidenschaft fürs Eishockey ist grösser. Er nimmt das Angebot an. Obwohl er bedeutend weniger verdient.

In Bern steht es nach dem ersten Drittel 1:1. Das Schiedsrichter-Quartett macht beim 1:0 der Berner keine Bella Figura. Die Aktion von SCB-Stürmer Lasch vor Biels Hiller könnte man auch als Torhüter-Behinderung sanktionieren. Doch sie entgeht den Schiedsrichtern. Erst nach Intervention der Bieler schauen sich Stricker und Vinnerborg die Video-Sequenzen an. Und geben das Tor trotzdem, weil die Behinderung nur marginal gewesen sei, so Vinnerborg.

Doch in der engen Schiri-Kabine rauchen die Köpfe. Es wird kontrovers diskutiert, schonungslos und selbstkritisch. Vinnerborg bilanziert: «Jungs, wir sehen schlecht aus. Aber lieber schlecht und korrekt als umgekehrt.»

Am Samstag in Zürich. Am Dienstag in Genf. Am Donnerstag in Bern. Heute in Fribourg. Stricker legt für die Schiedsrichterei 40 000 Kilometer im Jahr zurück. Doch der Dienstwagen, auf dem das Logo des Verbandes prangt, weist nach einem Jahr einige Kratzer auf. Dies nur eine Episode, die verdeutlicht: Der Respekt gegenüber den Schiedsrichters ist hierzulande nicht der allerbeste.

Wie gefährlich lebt ein Schiedsrichter? «Der Respekt gegenüber uns Schiedsrichtern wird zusehends vernachlässigt», moniert Stricker. «Im Gegensatz zur NHL will man hier keine Prügeleien. Die Leidtragenden dieses Leitsatzes sind die Linienrichter. Weil sie angehalten sind, jede Prügelei schon im Ansatz zu verhindern, kriegen häufig sie – meist unbewusst – Schläge ab.» Erstaunlich, dass die Verbandsjustiz in solchen Fällen kaum einmal ein Verfahren eröffnet.
Prügel gegen Schiedsrichter als ‹part of the game›? «Ein kleiner Körperkontakt ist für keinen Schiedsrichter ein Problem. Aber die Härte hat zu- und der Respekt gegenüber den Schiedsrichtern abgenommen. Kurz: Es gibt Klärungsbedarf zwischen uns Schiedsrichtern, den Klubs und dem Verband», sagt Stricker. 

In Bern ist das zweite Drittel vorbei. Die Bieler führen 5:1 und wissen wahrscheinlich selbst nicht, warum sie das tun. In der Kabine der Schiedsrichter herrscht eine bessere Stimmung als in der Pause zuvor.

Man spürt: Die Männer sind zufrieden mit ihrer Arbeit und dem Verhalten der Spieler. Berns Trainer Jalonen hegt den Verdacht, dem 1:4 sei ein Offside vorausgegangen und fordert eine Coaches Challenge. Die Linienrichter Wüst und Castelli analysieren die Videobilder, erkennen zurecht aber kein Offside.

In der Pause witzelt Stricker: «Jungs, warum habt ihr euch mit der Entscheidung so lange Zeit gelassen? Um der Mamma, die am Fernseher zuschaut, Hallo zu sagen?»

«Das Spiel ist noch nicht gelaufen», warnt Vinnerborg, bevor er mit seinen Kollegen in den Rink zurückkehrt. Der 44-jährige Schwede, der als erster Europäer überhaupt in der NHL gepfiffen hat und seit 2014 in der Schweiz ist, behält Recht. Die Suppe wird aufgewärmt. Bern kommt gegen inferiore Bieler (sechs Zwei-Minutenstrafen im 3. Drittel) auf 3:5 heran.

Spätestens jetzt ist die Arena ein Dampfkochtopf. Fünf Minuten vor Schluss trifft Bern erneut. Biel-Keeper Hiller signalisiert gestenreich: «Hoher Stock». Stricker und Vinnerborg konsultieren einmal mehr die TV-Bilder und annullieren den Treffer – zu Recht.

Bern verliert schliesslich mit 3:6. Die Schiedsrichter sind indes kein Faktor, sie haben einen guten Job gemacht. Gleichwohl ernten sie Pfiffe. Auf der Tribüne tobt der Sitznachbar: «Hoffentlich sehen wir den Stricker nie mehr, diesen elenden …» Immer feste drauf.

Tage zuvor musste Stricker konstatieren, wie ihn eine Boulevardzeitung für die Verletzung von ZSC-Starstürmer Robert Nilsson verantwortlich macht. Strickers lakonischer Kommentar: «Ich habe noch nie einen Schiedsrichter gesehen, der ein Foul begangen und einen Spieler verletzt hat.»

Warum, Herr Stricker, tun Sie sich das an? «Warum sind Sie Vater geworden?», fragt er. «Als Vater haben Sie weniger Geld, weniger Freizeit, weniger Schlaf. Die ersten offensichtlichen Antworten zielen meist ins Nirgendwo. Aus der Distanz sind die wesentlichen Dinge nicht erkennbar. So, wie für Sie Ihre Kinder eine Bereicherung sind, ist es auch bei mir mit der Schiedsrichterei. Ich wurde ausgeglichener, kritikfähiger, habe gelernt zu führen und zu kommunizieren.» Der kleine Prinz sagt dazu: Man sieht nur mit dem Herzen gut.

























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